herzraum
Briefe an die Stille
Hier schreibt ein suchender Mensch,
nicht aus Ego,
nicht aus Wunsch nach Anerkennung,
sondern aus dem Wunsch,
die Stille zu hören –
und ihr zu antworten.
Der Name bleibt ungenannt.
Denn die Worte gehören nicht dem, der sie schreibt,
sondern dem, der sie liest –
und der Stille, aus der sie kommen.
Brief I
Liebe Stille,
heute Morgen saß ich am Fenster,
und der Regen fiel langsam auf das Dach.
kein Gedanke war da,
keine Frage,
nur das Tappen des Wassers
und der Atem, der ging.
da wusste ich:
du bist nicht Abwesenheit.
du bist Gegenwart.
du bist das, worin alles beginnt.
ich danke dir,
dass du mich nicht rufst,
sondern wartest,
bis ich verstumme.
– unbekannter Autor
Brief II
Liebe Stille,
gestern hörte ich Menschen reden
von „Erfolg“ und „Recht“ und „System“.
sie sprachen laut,
als müssten sie sich selbst beweisen.
du sagtest nichts.
doch in der Pause zwischen zwei Wörtern,
da hörte ich dich lächeln.
denn du weißt:
wer viel redet,
hat oft wenig gehört.
ich bleibe bei dir.
denn bei dir ist Ruhe,
und Ruhe ist weise.
– ein Suchender
Brief III
Liebe Stille,
vor Tagen stand ich im Wald.
kein Wind,
kein Vogel,
nur das Moos unter meinen Füßen
und das Licht zwischen den Bäumen.
da sprachst du nicht mit Wörtern,
sondern mit dem, was vor den Wörtern ist.
ich fühlte:
alles, was lebendig ist,
atmet aus dir.
und ich verstand:
die Seele braucht keine Sprache,
sie braucht nur dich.
– ohne Namen
Brief IV
Liebe Stille,
manchmal fürchte ich,
dass meine Worte dich stören.
doch dann erinnerst du mich daran:
auch ein Flüstern ist nur ein Teil von dir.
auch ein Brief ist nur ein Wellenschlag
auf dem Meer deiner Ruhe.
also schreibe ich weiter,
nicht gegen dich,
sondern aus dir.
– ein stiller Zeuge
Brief V
Liebe Stille,
vor Jahren glaubte ich,
ich müsste laut sein,
um gehört zu werden.
heute weiß ich:
wer still ist,
wird vom Leben selbst gesprochen.
du hast mich gelehrt:
die Wahrheit flüstert,
sie brüllt nicht.
– ein Wanderer im Lichte der Worte